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Tips zu Handicap-Reisen
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Admin ist offline Admin  Rolli-Reisebericht - Finnland Antworten Zitatantwort Einzelbeitrag drucken Dieses Thema weiterempfehlen

23.8.2009 - 13:53 Uhr
411 Posts
Lord Forum

Finnland

Ihr erinnert euch an Teneriffa?

Diesmal ging alles gut. Große „CAUTION, please“ - Schilder an den Rollstuhlrädern sind wohl auch den aufmerksamen Rollstuhl- in- Flugzeug- Einpackern aufgefallen! Und – wie von Zauberhand – in Helsinki nicht gesehen und hat doch tatsächlich in Rovaniemi am Ausgang des Flugzeugs brav auf mich gewartet. Auf dem Rückweg übrigens das gleiche, nur dass er erst kam, als ich den Flieger bereits auf einem AOK- Chopper verlassen hatte und mein Gepäck schon eingesammelt hatte. Das lag aber weniger an ihm als an den Rollstuhl- aus- dem- Flugzeug- Transportierern. Diese beklagten sein Übergewicht, welches einen Transport zum Flugzeugausgang unmöglich machte und bevorzugten, ihn mit dem Fließband zu transportieren. (Vielleicht sollte ich nächstes Mal unter „CAUTION, please“, auch „Diesen Rollstuhl kann man schieben, man(n) muss ihn nicht tragen“ schreiben?)
Der Reiseduschrolli hat dann schon mehr Wirbel verursacht. Aber auch nur ein bisschen. Die kompetente Dame im Reisebüro hatte ja nicht geschafft ihn vorab anzumelden. Und weil wir ohne zusätzliche Anmeldung nur ein weiteres Gepäckstück a 20kg mitnehmen durften, hab ich die Tasche, in dem der zerlegte Duschrolli ist, mit anderem leichten Kram voll gestopft. Die Dame am FinnAir- Eincheck- Schalter war aber überhaus zuvorkommend und hat weder beim Duschrolli noch beim zweiten Koffer das Übergepäck beanstandet. Sie wollte nur wissen, was in der geheimnisvollen Riesentasche mit der Aufschrift „Aqua“ ist und nickte verständnisvoll als meine Assistentin Mirjam geheimnisvoll „eine Mobilitätshilfe“ flüsterte. Auf jeden Fall – ob Auge zugedrückt beim Übergepäck, oder nicht – er war zu schwer und zu groß fürs Band. Da half nur eins: Die Mobilitätshilfe des WCHC (das bin ich*) musste ins Sperrgepäck. Ob das nun eine weise Entscheidung war oder nicht, ist mir nicht ganz klar, denn die Tasche war gerissen, als wir ankamen. Die komplette Seite war offen, doch - wie durch ein Wunder – der Duschrolli und auch der dazu gestopfte Kram war noch drin. Was noch mit drin war, war nicht nur für mich, sondern auch für den neugierigen Rest der Passagiere ersichtlich. (Beim nächsten Mal werde ich also mit hoher Wahrscheinlichkeit was anderes als Thrombosestrümpfe und Kathetersets dazu stopfen.) Ob die Tasche auf dem Rückflug heile blieb, weil sie auf finnische Gepäckbänder passt und nicht ins Sperrgepäck musste oder ob ich dass Carstens Näh- Künsten zu verdanken hab, werden wir wohl nie erfahren…
Immerhin, wir sind angekommen. Carsten hatte sogar schon das Taxi zu unserer Mökki** in Ounasvaara Pirtit*** organisiert. Das hat ohne Probleme geklappt, wie alle anderen Taxifahrten auch. Es waren ziemlich viele, denn ein Auto hatten wir nicht und so klein, dass man überall zu Fuß hinkommt, ist Rovaniemi leider nicht. So groß, dass es U- oder S-Bahnen gibt nur leider auch nicht. Aber es gibt einen Bus! Nein, keinen Niederflurtechnik-Stadtbus wie ihr ihn kennt. Eher so einer wie Jolly. Jolly in weiß und ohne Rampe, aber mit Busfahrer. Nur ohne Fahrgäste (außer wir einmal). Öfter ging aber auch nicht, denn er fuhr nur an Werktagen (also nur an dem Freitag) und da auch nur um 18.55 und 20.00. (Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob Carsten den Plan richtig gelesen hat.) Gut zu wissen, für jeden Finnland-Reisenden: Die gelben Pläne sind für Stadtverkehrsbuspläne und die blauen für Fernverkehrbuspläne. Wann die Fernverkehrbusse fahren, weiß ich aber nicht. Wir sind dann auf dem Weg in die Stadt noch beim Krankenhaus vorbei. Ob das die Route war oder der Busfahrer uns vor lauter Freude über Fahrgäste die Gegend zeigen wollte, weiß ich auch nicht so genau. Eine Fahrt kostet auf jeden Fall 2,50€ und da lohnt es sich doch, auf ein Taxi zu verzichten. Bei denen scheint der Preis irgendwie eher vom Fahrer als von der Strecke abzuhängen. Ganz klar war uns das nie. Auf jeden Fall fuhren die Fahrer, die Carsten von den Fahrten mit seinen Schülern kannte, günstiger. Der Busfahrer hat uns sogar gefragt, ob wir in der Stadt nur „kurz was besorgen“ wollen oder ob wir „zum Dinner“ wollen. Bei „kurz was besorgen“ hätte er gewartet. Hat er dann aber nicht. Das war aber nicht schlimm (dazu später mehr). Wir waren weder „kurz was besorgen“ noch „zum Dinner“. Wir waren in allen drei Einkaufzentren Rovaniemis, was relativ schnell ging, da die um 20.00 schließen und es bereits 19.30 war (richtig, wir saßen im Bus um 18.55!) und dann ganz tourilike am Lordis Square. Für die, die sich nicht erinnern sollten: Lordi ist diese Wir- verkleiden- uns- als- Monster- Band, die den Grandprix gewann und nach Mr. Lordi benannt ist und der kommt – dreimal dürft ihr raten – aus Rovaniemi (http://de.wikipedia.org/wiki/Lordi). Der Sound in den Kneipen, in den wir dann waren, war dann aber eher elektronisch. Ich fands gut. Carsten nicht so. War jedoch sehr laut. Gerade als ich zum x-ten Mal nachgefragt hab, was Carsten gesagt hat, gesellte sich Timo (Timotheus in 5.Generation) zu uns. Er ist der Vater von einem der Mädchen, die in die Schule gehen in der Carsten arbeitet. Besser, da gibt es so ein Gruppenangebot für diese Schüler, dass sie auch am Wochenende nutzen können und daran nahm seine Tochter teil. (Carsten nicht, weil ich ja war da war.) Die Frau von Timo arbeitet gerade in Ungarn und deswegen hatte er Zeit uns zwei Stunden ununterbrochen Geschichten aus Rovaniemi und ganz Lappland und allen Menschen, die er kennt, zu erzählen. Das machte die laute Musik noch etwas anstrengender. Was Carsten noch nicht wusste, als er ihm einen Platz anbot, war, dass Timo (ich hätte ihn gerne Timotheus genannt) perfekt deutsch sprach. Nun gut, wir kennen auf jeden Fall jetzt unzählige Geschichten, z.B. die des österreichischen Sprinters Anton, der im Krieg über Russland in den Norden Finnlands gelaufen war und nun dort als Tischler lebt und diverse Abenteuer von Timo und seinen fünf Brüdern, mit denen er Wanderungen durch Nordfinnland macht. Interessant fand ich, dass soziale Projekte in Rovaniemi mit dem Erlös von Glückspiel finanziert werden. In dem einzigen Moment in dem Timo seinen Monolog unterbrach, sagte Carsten „Wir müssen nun los“. Da er sich vor kurzen bei dem Verein, dem Timo und seine Tochter angehören, beworben hat, befürchtet er nun, dort nicht genommen zu werden. Das glaub ich aber eher nicht. Hätte Timo uns sonst mit seinem Volvo zu unserer Mökki gefahren (ich sah nur einen kurzen Moment die Schlagzeile “Deutsche Sozialarbeiter in finnländische Wälder verschleppt“ vor mir und war froh, dort tags zuvor ein barrierefreies Plumsklo entdeckt zu haben) und uns wortreich auf ein bis bald in Hamburg verabschiedet? (Deswegen war es nicht schlimm, dass der Busfahrer nicht gewartet hat.) Hinterher mussten wir uns erstmal in unserer Sauna entspannen. Ich bin Mirjam wirklich dankbar, dass sie bereits nach einem mal Saunen, bei dem ich vorwärts mit meinem Duschrolli in der Tür geparkt hab und nur meine Fußspitzen etwas Wärme abbekommen hätten, hätten Mirjam und Carsten mir nicht wild mit Handtüchern schleudernd etwas Wärme bis zu den Oberschenkeln zugepustet, festgestellt hat, dass ich rückwärts fast ganz rein passe und wir das nicht erst kurz vor Abreise gemerkt haben. So konnten Carsten und ich stundenlang saunierend diskutieren, ob die finnische Variante mit viel Wasser und Bier oder die spießige deutsche Trockenvariante besser ist und uns schließlich auf eine Mischform mit Bier und Moods (in der Pause) und mit ohne Wasser einigen. Was tut man nicht alles für den deutsch- finnischen- Austausch!
Apropos deutsch- finnischer Austausch: Hier noch ein letztes Anekdötchen: Carsten hat nämlich eine so genannte „friend family“, bestehend aus Taria (die Mutter), ihrem Mann, dessen Namen ich vergessen hab und Eric (der 10jährige Sohn). Den Mann nenn ich einfach “der Kontrabassist“, denn das ist er Hauptberuflich im Orchester. Diese Familie ist auf jeden Fall eine der witzigsten und klügsten Familien, die ich kenne. Eigentlich muss man die erlebt haben, deswegen fahrt vorbei, wenn ihr mal in der Nähe seit. Ihr solltet allerdings trinkfest sein (ich sah mich schon bäuchlings auf dem Sofa und war froh, dass meine Akkus das erste Mal zum richtigen Augenblick leer waren und Mirjam und Carsten mich zurück schieben mussten), und keine Platzangst in Fahrstühlen haben (wir mussten in zwei Etappen fahren). Außerdem solltet ihr nicht samstags zwischen 19.00 und 20.00 kommen, denn dann ist deren Saunazeit und über die lassen Finnen nichts kommen. Mitten im Gespräch zogen sich alle drei Familienmitglieder ihren Bademantel über, um sich darunter umständlich zu entkleiden und uns mitzuteilen, dass wir gerne noch in der Wohnung bleiben dürfen, sie aber jetzt in die Sauna gehen würden. Ich hätte ihnen gerne noch gesagt, wie köstlich der Rentierbraten war…

Rentiere haben wir in allen Varianten gekostet, nur gesehen haben wir keine. Aber Hasen, die so groß waren, dass ich sie erst mit Kängurus verwechselt habe. Mücken gab es zum Glück kaum. Schnee auch nicht und Dunkelheit auch nicht. Alles in allem würde ich sagen, Finnland lohnt sich. Auch wenn es nur drei Tage sind. Vielleicht flieg ich das nächste Mal nach Tampere und fahr dann mit dem Zug 600km durch die finnische Prärie (dass ist billiger), oder ich miete mir ein Wohnmobil und fahr rund um die Ostsee durch Polen und Russland bis nach Finnland und auf dem Rückweg bei Stefan und Silke in Trontheim vorbei….Wer kommt mit?

Eure Amke


*WCHC (Wheelchair Cabin Seat): Fluggast ist gehunfähig, kann sich lediglich mit einem Rollstuhl oder einem anderen Hilfsmittel fortbewegen und ist jederzeit auf Betreuung angewiesen

**Ferienhaus

***Stadtteil von Rovaniemi (?)

Grüße von der Nordsee

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