Neurogene Blasenfunktionsstörung aus urologischer Sicht
Neurogene Funktionsstörungen der Blase sind häufig, ihre Dunkelziffer ist hoch. Das Spektrum der Ursachen reicht von traumatischen Läsionen bis zu infektiösen Erkrankungen, von angeborenen bis zu Altersbedingten Prozessen und neurologischen oder internistischen Systemerkrankungen. Da eine ausgeglichene Blasenfunktion eine neurophysiolgisch gut koordinierte Zusammenarbeit aller für Speicherung, Entleerung und Verschluß zuständigenMuskelgruppen voraussetzt, ist bei einer neurogenen Störung die gesamte Funktionskette unterbrochen. Es kommt, abhängig vom neurologischen Bild, zu qualitativ und quantitativ sehr unterschiedlichen Speicher- und Entleerungsstörungen.
Leitsymptome sind sämtliche Formen der Harninkontinenz ( Stress-, Urge-, Überlauf- und Reflexinkontinenz ) sowie häufige Infekte und Restharnerhöhung. In Abhängigkeit zu Intensität gesamten und Dauer der der Beeinträchtigung der Blasenfunktion treten Sekundärschäden des Harntraktes auf, die ohne angemessene Therapie die Lebenserwartung und die Lebensqualität erheblich einschränken. Für den klinischen Alltag genügt die Einteilung der neurogenen Blasenfunktionsstörungen in nur zwei Gruppen:
Solche mit vermehrter Detrusoraktivität und entsprechend erhöhten Blasendrücken und solche mit geringer oder fehlender Detrusoraktivität.
Das ( aktive ) Hochdrucksystem erfordert differenzierte, häufig kurzfristig und massiv notwendige Maßnahmen, da es bereits ein bis zwei Jahre nach Auftreten zu irreversiblen Schäden am oberen Harntrakt führen kann. Der stak erhöhte Detrusortonus bedingt unter anderem eine Kompression der intramuralen Harnleiterabschnitte mit Rückstau nach oben. Später führen die ständig erhöhten Blasendrücke zu Pseudodivertikelbildung und Reflux. Restharnerhöhung kann, muss aber nicht vorhanden sein. Verstärkt wird die Situation oft durch eine Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, wobei sich bei Detrusorkontraktion gleichzeitig durch die Spastik des quergestreiften äußeren Harnröhrenschließmuskels die Harnröhre verschließt und damit der intravesikale Druck auf ein Mehrfaches des physiologischen Höchstwertes gesteigert wird. Das ( passive ) Niederdrucksystem ist meist wesentlich einfacher zu handhaben, vor allem, weil sich die sekundären Veränderungen deutlich langsamer entwickeln. Hier ist die unvollständige Entleerung das Hauptproblem.
Diagnostik
Die Indikation zur speziellen Diagnostik stellt sich bei unklarer Harninkontinenz, häufig zusätzlich mit Restharnerhöhung und wiederkehrenden Infekten. Auch Störungen der Sensibilität im Urogenitalbereich, zum Beispiel nach Operationen oder eine sich ändernde Darm- und Sexualfunktion bedeutsam. Die körperliche Untersuchung schließt den urogenitalen Reflexstatus mit ein. Bestimmung des Restharns: Eine einzelne Bestimmung des Restharn hat keine Aussagekraft! Es sind immer mehrere( mindestens drei ) Restharnkontrollen durchzuführen. Die Harnflussmessung (Flow-metrie) kann auf Grund der typischen Flowmusters Anhaltspunkte geben, ob eine neurogene Störung vorliegen könnte. Eine Ausschlußmöglichkeit besteht mit dieser einfachen Untersuchung allerdings nicht. Ein urodynamisches Screening durch eine Flüssigkeitszystotonometrie kann heute durch zahlreiche niedergelassene Urologen und Klinikabteilungen durchgeführt werden. das ganze Ausmaß der Störung kann letztlich nur am großen urodynamischen Meßplatz anhand einer simultanen Aufzeichnung sämtlicher Druck - Flußparameter und des EMGs unter Videokontrolle während der Blasenfüllung und Entleerung erkannt werden. Der Aufwand der Untersuchung ist alleine dadurch gerechtfertigt, das sich eine individuelle, der Kompliziertheit des funktionellen Systems angemessene Therapie, die über Lebenserwartung, Mobilität und Lebensqualität entscheidet, nur mit dieser Untersuchung finden läßt.
In Deutschland existieren seit einigen Jahren mehrere neuro-urologisch spezialisierte Schwerpunktabteilungen , häufig mit Anschluß an Zentren für Querschnittgelähmte. Sowohl die besondere Untersuchungstechnik als auch die entsprechenden therapeutischen Maßnahmen sind heute ohne spezielle Kenntnisse dieser Materie kaum noch möglich. Die Standardisierung der urodynamischen Untersuchungstechnik auf internationaler Ebene durch die ICS ( International Continence Society ) hat zu einer Verbesserung des diagnostischen Standards und zu besserer Vergleichbarkeit der Befunde geführt, sofern die definierten Anforderungen an die Untersuchungstechnik eingehalten werden. Eine enge Kooperation mit den Neurologen sowie weiteren erforderlichen Fachdisziplinen zum Aufdecken der Ursachen neurogener Blasenfunktionsstörungen sollte selbstverständlich sein.
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