Neurogene Blasenfunktionsstörung aus urologischer Sicht
Indikation zum intermittierenden Katheterismus
a) Hypo- bis inaktive Blase bei sogenannter "unterer Läsion" mit hoher Restharnbildung. Ziel: drucklose, restharnfreie Entleerung, Ausschaltung der Überlaufinkontinenz.
b) Hyperaktive (hyperreflexive) Blase bei sogenannter "oberer Läsion" in Verbindung mit medikamentöser (anticholinerger) Ruhigstellung des Detrusors.
Ziel: Umwandlung in eine Hypo- bis inaktive Blase; weiter siehe a). das Behandlungsregime b) kann nur sinnvoll sein, wenn es gelingt, auch tagsüber ohne Kondomurinal auszukommen. Dies stellt gewisse Anforderungen an die Compliance der Patienten, da sie in ihrer Mobilität durch feste Entleerungszeiten und die Benutzung geeigneter Räumlichkeiten eingeschränkt werden.
Patienten die nicht in der Lage sind zu katheterisieren (zerebrale Herde, MS, Morbus Parkinson, Hoher Querschnitt) sollten nach Möglichkeit durch Angehörige oder Pflegedienst versorgt werden. Ist dies nicht möglich, bleibt nur die suprapubische Ableitung. Sie sollte vierwöchentlich gewechselt werden; eine Infekt- und Verkrustungsprophylaxe ist zum Beispiel durch Ansäuern des Harns mit L-Methionin (Acimethin) zu empfehlen.
Medikamentöse Therapie
Aufgrund der nervalen Versorgung der Blase mit unterschiedlichen Ansatzpunkten von alpha-, beta-adrenergen und cholinergen Rezeptoren ist eine gezielte medikamentöse Basis- oder Zusatztherapie möglich. Die Blockierung zum Beispiel von Beta-Rezeptoren bei gleichzeitiger oder auch alleiniger Blockierung der Alpha-Rezeptoren kann gelegentlich bei inkompletten Läsionen zu einer Verbesserung der Blasenentleerung führen. Eine Reihe moderner Alpha- Rezeptorenblocker bietet neue Ansatzpunkte, vor allem auch hinsichtlich der Verträglichkeit.
Bei Kleinkindern mit angeborener neurogener Blasenfunktionsstörung (z.B. Meningomyelozele) liegen an der Essener Klinik gute Ergebnisse vor, wobei über eine Alpha-Blockade ein passives Leerlaufen der Blase angestrebt wird, so dass die hohen Drucke beim gewaltsamen Auspressen nach Credé vermieden werden. Sobald wie möglich wird dann auf den intermittierenden Katheterismus übergegangen. Zur medikamentösen Dämpfung oder Ausschaltung der Detrusorhyperreflexie stehen heute hochwirksame
anticholinerge Substanzen zur Verfügung wie Oxybutynin ( Dridase®), Propiverin Mictonorm®) und Trospiumchlorid ( zum Beispiel Spasmo-lyt-Dragees®). Ihre Wirksamkeit steht aufgrund zahlreicher Doppelblindstudien außer Frage. Die Möglichkeiten dieser Substanzen reichen von einer leichten Dämpfung des hyperreflexiven Detrusors bis zur individuellen völligen Ruhigstellung, je nach gewählter Strategie und unter Berücksichtigung der Verträglichkeit.
Elektrostimulation und Biofeedback
Madersbacher et al berichten über Erfolge bei inkompletten Läsionen und angeborenen Mißbildungen von Kindern, wobei durch Elektrostimulation offensichtlich eine Verbesserung der Detrusoraktivität möglich scheint. Eine Objektivierung dieser Ergebnisse ist schwierig, da vergleichende Studien kaum möglich sind. Die Erfolge über ein Biofeedback-Training zur Dämpfung eines hyperaktiven Detrusors ebenfalls bei inkompletten angeborenen und erworbenen Störungen werden von der gleichen Arbeitsgruppe als sehr günstig beschrieben.
Quellen:
Deutsches Ärzteblatt
Schürch B. Neurogene Blasenfunktionsstörungen: Aktueller Stand der Diagnostik und Therapie
Schweiz Med Wochenschr 2000;130:1618–26
Manfred Stöhrer, Helmut Madersbacher, Hans Palmtag "Neurogene Blasenfunktionsstörungen"
Medicine Worldwide
Urologische Nachrichten: www.uro.de
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